Schleich di oder das Ende der Street Photography.

IMG_3550Saul Leiter, genauer die Ausstellung der Werke des Fotografen im Kunsthaus Wien, hat mich ratlos, irritiert und mit modrigem Ingrimm zurück gelassen. Was, fragte ich mich, kann ich von diesem Allround-Künstler, Jahrgang 1923, lernen, der in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg die sogenannte New York School of Photographers mit seinen vielschichtigen, opak schimmernden Farbfotos maßgeblich mit prägte?

Eine Schule, die – Achtung Gemeinplatz – nichts anderes als eine Lebensschule in mehrfachem Sinne war. Die Eleven, die ab Mitte der 1930er mit ihren Leicas und Rolleiflexes durch die City stromerten hießen Richard Avedon, Walker Evans oder eben Saul Leitner, sie alle hatten selten einen Auftrag, aber meist einen konkreten Plan – wie etwa Evans, der über Jahre hinweg mit einer Knopfloch-Kamera heimlich Subway-Passagiere ablichtete – und wenn der Plan bloß darin bestand, die Banalität des Alltags einzufangen.

Nun: Wenig konnte ich von Dir lernen, Leiter. Leider.

„Dass diese Fotos einmal für irgendwas zu gebrauchen wären oder gar Kunst seien, darüber machte ich mir damals keine Gedanken“, sagte der Amerikaner einmal. Er, der Sohn eines Rabbiners, der über die abstrakte Malerei zufällig zur Fotografie kam, sei vor allem neugierig auf das Leben gewesen. Das bot New York City, diese versiffte, an sich selbst würgende, ereignissatte Metropole an jeder Straßenecke. Die beiläufige, unverstellte Herangehensweise an die Menschen, Objekte, Ereignisse, Soziotope etablierte die Kategorie der Street Photography. Wahrheit war nicht unbedingt ihr Thema, aber zumindest eine dokumentarische Wahrhaftigkeit. Und eben: der Mensch.

Bemerkenswert, darüber hinaus, bei Saul Leiter: der Respekt, den er seinen Motiven zollte. Da ist nichts Voyeuristisches, kalkuliert Decouvrierendes in seinen Bildern. Leiter, dessen Werk im Jahr 2006 dank einer Ausstellung in einer New Yorker Galerie wieder entdeckt wurden, wahrt instinktiv die Privatsphäre seiner Protagonisten.

Mittlerweile gehören die Werke der Street Photography zum kollektiven Gedächtnis der Vereinigten Staaten. Von Frankreich aus – Paris war in den 1920ern nicht zuletzt dank Henri Cartier-Bresson quasi die Volksschule der Straßenfotografie – kam das Genre auch in Großbritannien und Deutschland an.

Und heute?

Ist die Street Photography eine gefährdete Spezies. Dafür gibt es nicht einen Grund. Aber viele Ursachen.

  • Dank Smartphone, Kleinstkamera oder – relativ günstiger – semiprofessioneller DSLRs fühlen sich immer mehr in den Stand gesetzt, zum Dokumentaristen der Straße aufzusteigen. Doch viele haben weder Idee noch Plan – auch ich manchmal nicht – und halten den Leuten einfach ihre Objektive vor die Nase. Das ist weder gut noch höflich.
  • Facebook und Twitter sind riesige Aggregatoren des Alltags. Jeder Moment ist Bild. Aber nicht jedes Bild ein Moment. Das macht Letzteren inflationär.
  • Mit ein paar schicken Instagram-Filtern lässt sich jeder Schnappschuss in den Rang eines kleinen Kunstwerks heben. Nur ist das nun einmal nicht so. (Asche auf mein Haupt, selbstverständlich.)
  • Und nicht zuletzt: die Massenmedien (schöner 70er-Jahre-Terminus). In immer mehr, immer schäbigeren Dokumentationen und flatscreenflachen Real-Life-Serien geben sie vor, „das wahre Leben“ auszuleuchten. Stattdessen geben sie Menschen der Lächerlichkeit preis, entwürdigen sie und delektieren sich an ihren Schwächen. Grelle Momente des Fremdschämens zur Primetime. Und wenn der Alltag nicht passt, wird er per Scripted Reality passend gemacht. Respekt? Bloß ein Quotenkiller.

Allein: Jeder, der selbst einmal als wenig erquickliches Partyfoto auf Facebook aufgetaucht ist (das man auch noch, schmerzhaft selbstironisches Ritual des Mediums, brav liked) und einen Rucksack mit einschlägigen Fernseherfahrungen mit sich herum trägt,  sieht in mir, den Typen mit der Kamera, der ihn, sein Leben, in den Fokus nimmt, nehmen könnte, einen fiesen Paparazzo. Oder einen Kriminellen.

So begegnete man mir zumindest, als ich unlängst von der Straße also von öffentlichem Grund aus mit dem iPhone einige Einfamlienhäuser ablichtete. Ein paar Probebilder für ein kleines, liebreizendes Projekt. Nun: Nach einigen Aufnahmen wurde ich von Balkonen herunter beschimpft, aufgeschreckte Anwohner brüllten einander über Thujen-Hecken hinweg Warnungen zu (Margaräta! Kumm schnö aussa! Achtung! Do fotografiert jemand dei Haus!), nicht betroffene, sich betroffen fühlende Nachbarn drohten mit der Polizei und ziehen mich lautstark der „Einbruchsfotografie„. Besänftigende Worte meinerseits wurden mit einem beherzten „Schleich di“ erwidert. Kurzum: ich war die personifzierte rumänische Einbrecherbande.

Tatsächlich war ich kein Krimineller. Und ich fotografierte nicht einmal Menschen, sondern Gebäude. Aber, so dachte ich mir, als ich von dannen zog, wenn ich das heute machen würde, was Walker Evans und KollegInnen damals gemacht haben, dann wäre ich wohl einer. Ich muss, nein müsste, treu nach den Buchstaben des Gesetzes, von jeder Person, die ich fotografiere, eine schriftliche Genehmigung einholen. Ich müsste, wenn ich einem Walker Evans gleich, in der U-Bahn heimlich Menschen ablichten würde, damit rechnen, aufs allerherzlichste verklagt zu werden. (Anwälte gibt es in diesem Land genug, ihre Zahl hat sich in den vergangenen 20 Jahren nahezu verdoppelt.) Und nicht zuletzt muss ich aus den oben angeführten Gründen damit rechnen, freundlich aber bestimmt eine angeraucht zu bekommen. Österreich ist ein härteres Pflaster als New York City.

Das habe ich mir gedacht, Saul Leiter.

3 Kommentare

  1. Hmm. Ich habe mir auch die Saul Leiter Ausstellung angeschaut. Vor einem Jahr in Hamburg. Und heute? Ist für mich die Street Photography keineswegs eine gefährdete Spezies. Im Gegenteil. Sie überschwemmt mich so sehr, dass ich meine Fotos nicht mehr in das Genre reinpacken möchte. Und dabei sind Instagram und iPhone nicht mal mitgezählt. Mich überschwemmen wahllose Schnappschüsse, ordentlich konvertiert in schwarzweiß. Überladen und unfokussiert. Insofern sehne ich mich nach den klaren Farben und cleanen Intransparenzen eines Saul Leiters.

    1. Aber genau das, diese Überflutung mit gut gemeinten Schnappschüssen, habe auch ich in meiner Aufzählung belegt. Mir ging es vor allem darum, das, was die Gattung „Street Photography“ war und ist, von diesen „Ich-halt-mal-drauf“-Bildern zu trennen. Das von mir herbeigeschriebene Ende bezieht sich eher darauf, dass die Motive, also die Menschen, durch den Trend zur Massenablichtung per se schon in einer Alarmhaltung sind – und es so schwierig wird, das Unvoreingenommene, Beiläufige einzufangen. (Und ich bin übrigens nicht der Meinung, ein „Street Photographer“ zu sein, ich bin nur ein interessierter Lernender.)

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