Annamateur und der Overhead des Grauens.

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Innen des Jahres zu sammeln, ist mir ja eine große Passion. Da wäre etwa die werte Kollegin Lisa Stadler, ihres Zeichens Grazerin des Jahres. Oder meine alte Disco-Bekanntschaft Monika Rathgeber, inoffizielle Salzburgerin des Jahres obwohl gebürtige Braunauerin. Der Frau ist es immerhin gelungen, eine Landtagswahl loszutreten, deren Ergebnis die Restauration klerikal-katholischer Werte an der Salzach zeitigte. Der Erfolg der Grünen, die am Land so auch in Salzburg von einer öko-konservativen Gemeinschaft dominiert werden, ist indes bloße Bodyshop-Kosmetik. Der neue Landeshauptmann in Priestergestalt wird sich nicht den Teufel ins Haus und schon gar nicht in die Regierung holen. Bleibt zu konzedieren, dass es die U-Ausschuss-Abwürg-Partei SPÖ kolossal zerrissen hat. Große Otto-Pendl-Gedächtnismedaille am Bande für die Burgstallergabi.

Und damit zu Wichtigerem, konkret dem neuesten Zugang in meiner Innen-des-Jahres-Sammlung: Die gleich mehrfache Dresdnerin des Jahres namens Annamateur. Die Frau, die in der Szene „Grotesk-Chansonnière“ gerufen wird, gab sich mit ihrem Programm „Screamshots“ den Wiener Stadtsaal und damit das hiesige Publikum. Das kam spärlich – schließlich gab’s die Straße runter einen echten Blockbuster der guten Unterhaltung: das Wiener Stadtfest.

Kabarett, nächster Ausschließungsgrund, ist die Bühnenaction der Dame übrigens auch nicht. Vielmehr ist „Screamshots“ eine irrwitzige Tour de Force einer Künstlerin, die zwischem schrillem Chaos und beklemmender Nachdenklichkeit keinen Punkt auf der Google-Maps-Landkarte der Emotionen auslässt. Stimmlich hat die Wuchtbrumme (so nennt man das körperliche Vollformat wohl in Deutschland) von der Opern-Koloratur bis zum Liebeslied alles drauf, inhaltlich ist eindeutig das Leben das Fette, an dem sie würgt. Was übrig bleibt, wird mit enormem Wortwitz verdaut, die deutsche Sprache ist für Annamateur bloß eine Folie, auf der sie Sinn und Wörter herumverschiebt. Ein Schatz für Neologisten!

Apropos Folie: Annamateur aka Anna Maria Scholz hat für ihr Programm eines der gefürchtetsten Folterinstrumente meiner Schulzeit reanimiert: den Overhead-Projektor. Wie viele Stunden, Tage, Wochen meines Lebens habe ich damit verbracht, im Halbdunkel eines Klassenzimmers gegen viel zu schnell weggezogene Folien anzuschreiben? Schon beim Gedanken an „den Overhead“ bekomme ich Ganzkörper-Sehnenscheidenentzündung.

Für die Dresdnerin ist der Projektor hingegen ein Hilfsmittel zur Ausweitung ihrer Kampfzone: Mal lässt sie mit schrägen Dada-Zeichnungen ihre Sicht von Welt erstehen, mal gibt sie den oberlehrerhaften, pingeligen Erklärbären. Musikalisch zusammen gehalten wurde die flirrende Multipersönlichkeit von den „Außensaitern“, zwei prächtigen Sidemen: Christoph Schenker (Cello) und Samuel Halscheidt (Gitarre). Die beiden erdeten mit molligen, groovigen Jazz-Sequenzen den Furor der Hauptdarstellerin. Die hätte mit ihrer dringlichen Botschaft und dem Happening-Charakter der Show besser in eine überhitzungsbereite Raucher-Bar gepasst. Doch in Wien gibt’s leider nur Klientel-Locations – der einzige Makel an diesem kunterbunten Abend, immerhin.

Draußen vor dem Stadtsaal saßen dann RadfahrerInnen mit feierlich nach unten gezogenen Protest-Mundwinkeln auf dem Asphalt der gesperrten Mariahilfer Straße. Wie viele meiner Foren-Kunden werden da wohl sitzen, fragte ich mich. Die fragten sich: Was will der Typ in seiner Mad-Men-Gedächtnispanier? Nichts. Der trauert bloß. Das Ende der fünften Staffel ist eine schwärende Wunde. Besser wird Fernsehen nimmermehr.

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