G.F. Händel: Brockes-Passion

Keine Auseinandersetzung, bloß ein Streiflicht. (Ich fühle mich völlig ausgedörrt wie ein vergessenes Hendl am Feuerwehrfest-Griller, was nun wirklich nicht am Konzerthaus liegt.) Womit wir auch beim Thema wären: Georg Friedrich Händel „Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende Jesus“, besser bekannt als Brockes-Passion. Den orchestralen Teil bestritt das Ensemble moderntimes_1800, ein dem Originalklang verpflichteter Klangkörper, den Chor die Wiener Singakademie unter dem Dirigenten und Professor für Alte Musik am Salzburger Mozarteum, Rainhard Goebel. Gesangs-Solisten waren im Laufe des Abends sieben zugange, und dieser Abend war lang – knapp dreieinhalb Stunden – und in seiner Wirkung unentschieden. Zuvor aber noch ein kleiner Info-Block.

Namensgeber Barthold Heinrich Brockes (1680 -1747), seines Zeichens wohlhabender Hamburger Kaufmann, ergo ein Pfeffersack, schrieb das Libretto, mit dessen Vertonung der Jurist, Pietist und Politiker seine Bewerbung für das Amt des Ratsherren in seiner Heimatstadt zu befördern gedachte. Man stelle sich vor: ein Wiener Politiker würde heute versuchen, mit einem Text für eine Orchesterstück seine Aussichten auf einen Gemeinderatsposten zu verbessern – und sodann das von einem Komponisten vertonte Libretto bei sich daheim aufführen lassen. Vor 500 Gästen – so wie es Brockes tat. Nun: der Lohn wäre der letzte Listenplatz beim nächsten Wahlgang, erkleckliche Häme von den Medien und ein schöner Shitstorm. Damals gehörte derlei zum guten Ton des universal interessierten Bildungsbürgers mit politischer Ambition. Heute gründet man eine Facebook-Gruppe.

Brockes‘ Text wurde gleich mehrfach vertont, so auch von Georg Friedrich Händel, der für mich, einem treuen Bachianer, so etwas wie der Rolling Stone der Barockmusik ist. Zweifellos gut, aber gegen den Chef-Beatle aus Leipzig kommt er einfach nicht an. Das hat seine Brockes-Passion dann auch bestätigt. Die ist von schönem Pathos durchdrungen, unterstützt den Text und also akustisch den Leidensweg Christi bis hin zur Kreuzigung vortrefflich, bleibt aber im Vergleich zu einer Matthäus-Passion ohne einen echten Höhepunkt, um nicht zu sagen einen Hit. Richtig zündend war dann auch nicht die Darbietung von moderntimes_1800, einem in Tirol verorteten, jungen Kammerorchester. Stattdessen gab’s eine zweifelsohne gelungene Interpretation, die sich aber in Summe damit zufrieden gab, gewissenhaft aus dem Kanon der Alten Musik zu schöpfen – aber auch jeden Ansatz unterband, eine neue Facette zu entdecken oder die Literatur ein bisserl querzubürsten. Sehr Originalklang eben.

Die Luft, gleichsam der Freiraum, der sich folglich bot, gab mir  zumindest die Möglichkeit, über ein paar Dinge kräftig nachzudenken. So gesehen ein inspirierender Abend.

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