Brad Mehldau, Kevin Hays: Modern Music

Glück – und das ist eine dieser schalen Eigenheiten der menschlichen Existenz – kann bekanntlich nicht konserviert werden. Es ist einfach da. Und sodann gleich wieder weg. Stattdessen zieht die Melancholie ein, diese missliebige Miet-Nomadin,  lässt sich häuslich nieder, breitet sich aus, und erinnert einen an Glückes statt, dass da einmal ein großer, fantastischer Moment war – A Glimpse of Light – der sich nicht einfach wieder so anknipsen lässt. Gestern im Konzerthaus war so ein Moment.

Brad Mehldau und Kevin Hays im Großen Saal. Ersterer ist bekannt als DER Jazz-Pianist, wenn es um eigene Werke und zeitgenössische Literatur geht. Zweiterer debütierte an diesem Abend im Konzerthaus, war mir, dem bemühten Jazz-Dilettanten auch gänzlich unbekannt, machte aber bereits während des Auftrittsapplauses mit schöner Präsenz und angenehmer Aura klar, dass er hier nicht bloß den Sideman am zweiten Steinway zu geben gedachte. Von der ersten Minute an regierten heiliger Ernst, totale Konzentration und die Gewissheit, dass auf der Bühne nachgerade Sakrosanktes anheben würde. Jazz-Messe für Fortgeschrittene, sozusagen.

Das Programm gab das von den beiden US-Amerikanern im Jahr 2011 eingespielte Album „Modern Music„, das Werke von Mehldau und Hays, aber auch von Philipp Glass, Ornette Coleman oder Steve Reich versammelt. Als Produzent und Arrangeur werkte der zeitgenössische Komponist Patrick Zimmerli, ein Trio, das sich lose aus Highschool-Tagen kannte. Grundvertrauen war also da. Die Stücke selbst sind weniger dem Jazz als der titelgebenden Modern Music, also zeitgenössischer klassischer Musik verpflichtet. Es herrschte dennoch kein Olga-Neuwirth-Alarm. Vielmehr arbeitete sich das Duo an zurückgenommenen, teils minimalistischen Stücken ab, die gleichzeitig aber genug Flächigkeit entwickelten, um Rhythmus und Meldodie eine Chance zu geben. Apropos Arbeit: In einigen Stücken gab es Passagen, die für die linke Hand auskomponiert sind, während die rechte Hand zur Improvisation eingeladen ist. Da staunt der Blockflöten-Bläser – und jetzt Schluss mit dem technischen Teil.

Denn was der aschfahle Mehldau – der Mann scheint sich erfolgreich entkörperlicht zu haben und nur noch in seiner Musik zu hausen – und Hays an diesem Abend mit ihren beiden Konzertflügeln zur Aufführung gebracht haben, war schon ziemlich nahe an dem, was einst Helmut Krausser in seinen „Melodien“ versucht hat zu fassen: die Suche nach der perfekten Musik. Enorme Transparenz des Klangs, keinerlei Hochleistungsattitüden an den insgesamt 176 Tasten, null persönliche Improvisationseitelkeiten (die Jazz-Seuche, bekanntlich). Stattdessen inszenierten Mehldau/Hays schlichte, dennoch virtuose Komplexität. Schubert 2.0. Nach knapp zwei Stunden (die sich subjektiv wie 20 Minuten angefühlt haben) und zwei gut ausgwählten Zugaben zogen sich die Meister zurück. Zurück blieb auch ich, und das restlos beglückt. Und jetzt ist sie da, die post-endorphine Melancholie. Schlimm.

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