Conjunto de Música Antigua Ars Longa

Meine Schwägerin, die ich niemals Schwägerin nennen würde, weil dieses Wort nach Reihenhaus mit Floral-Behübschung und Carport-Appendix müffelt, diese kluge Frau also, deren herausragendste, aber nicht einzige Fähigkeit es ist, die Machinationen der Hochfinanz aufzublatteln und folglich die Weltwirtschaft nicht nur kennt, sondern auch versteht, gab mir folgenden Merksatz mit auf den Weg: „Spare nicht, gib die Kohle mit vollen Händen aus. Jetzt. Geld ist so ziemlich das sinnloseste, was man in diesen Zeiten besitzen kann.“

Ein Leitmotiv, dem ich fortan blindlings folge. Ergo: Weg mit dem schnöden Mammon, her mit bleibenden Werten, nächste Etappe meines mir selbst auferlegten Kulturmarathons. Diesmal wieder im Konzerthaus, wieder im Rahmen der Resonanzen 2013: Conjunto de Música Antigua Ars Longa, ein kubanisches Originalklang-Ensemble unter der Leitung der niederschmetternd sympathischen Teresa Paz Román.

Der Abend begann mit einem Rätsel (dazu später) und unter denkbar schlechten Vorzeichen, kündigte doch der Veranstalter an, dass zwei der ingesamt 14 Mitglieder des Ensembles die Ausreise aus Kuba verwehrt worden sei. Die verbliebenen zwölf würden dennoch den Auftritt im Mozartsaal bestreiten. Realpolitik, schlechtes Gewissen und angekündigter Instrumentenmangel sind keine guten Begleiter für musikalische Rekreation. Zum einen machte sich anfangs Unbehagen, ja Unruhe im Saal breit. Zum anderen – so war es zumindest bei mir – hörte ich natürlich doppelt genau in den Klangkörper hinein, um die fehlenden Stimmen zu identifizieren. Zu viel Analyse macht unrund, aber so ist er, der Mensch.

Erschwerend kam hinzu, dass diesmal – wie an sich gewohnt und sehr geschätzt – kein Programmheft aufgelegt, sondern ein schlichter Beipackzettel ausgegeben wurde. Ob diese Leerstelle dem per Politik reduzierten Ensemble geschuldet war und das Heftchen deshalb Makulatur wurde, weiß ich nicht. Falls ja, hätte man dem dann obsoleten Programm zumindest einen Erratum-Zettel beilegen können. Wie auch immer: Ich vermisste die Text-Übersetzungen der vorgetragenen Lieder. Und damit Schluss mit Jammerei und zu einem musikalischen Highlight allererster Güte.

Wo auch immer die beiden, in Kuba verbliebenen politischen Opfer ihren Platz auf der Bühne gehabt hätten: Musikalisch wurden sie nicht vermisst. (Gut, die Gamben klangen – um eine mögliche Leerstelle zu identifizieren – manchmal um ein Haucherl zu dünn.) Doch was die zwölf verbliebenen Kubanerinnen und Kubaner zu bieten hatten, war furius, schillernd und schlicht mitreißend. Unter dem Titel „El tesoro de las Indias“ versammelten sich geistliche Lieder unterschiedlicher Komponisten der Barockzeit, genauer der Epoche der europäischen Vizekönigreiche in Amerika und damit auch Kuba. Unzählige Schätze wurden in Bibliotheken und  Archiven der Kathedralen von Guatemala oder Oaxava (Mexiko) gehoben. Allesamt verheißungsvolle Kleinodien geistlicher Musik.

Allein: religiöse Läuterung war an diesem Abend auf der Bühne des Mozartsaals nicht angesagt. Die Instrumental-Abteilung (Viola da Gamba: Ainel Gonzalez, Arianna Ochoa, Beatriz Lopez; Flöten: Yulnara Vega; Barockposaune: Oscar Canizares; Bajon (eine Art Fagott): Abraham Castillo; Orgel: Moises Santiesteban) rollte einen leichten, dennoch raffiniert verwobenen Klangteppich aus und ließen die Sängerinnen und Sänger (Mezzosopran: Adalis Santiestaban; Alt: Yunie Gainza; Tenor: Roger Quintana; Bariton: Ahmed Gomez, Sopran: Ars-Longa-Chefin Teresa Paz Román) ungeniert glänzen. Die verwandelten die frommen Lieder in prächtige, schillernde Kunstwerke des Chorgesangs.

Ganz spielerisch, dennoch klar akzentuiert, umgarnten sich die Gesangsstimmen. Selten gehörte vokale Perfektion, sauberste Verschmelzung von Tönen und Tonlagen. Von eligisch-gediegenem Kirchenchor war dennoch keine Spur – was vor allem an der blendend aufgelegten Rhythmus-Sektion lag. Die bestand im Wesentlichen aus den Sängern – Multiintrumentalität ist im Ensemble offenbar Pflicht – , die mittels Trommeln, Maracanas und Kastagnetten die Lieder mit lateinamerikanischen Esprit unterlegten – und das ohne in Folklore abzugleiten. Große Euphorie im Publikum, Big Hand zum Abschluss – dass bereits vor der ersten Zugabe viele Musikfreunde aus den Stühlen sprangen, um Richtung Saalausgang zu sprinten, war dem Eingangs erwähnten Rätsel geschuldet. Und das hörte auf den Namen „Essenskonzert“.

Dieses seltsame Wörtchen stand da ganz unschuldig auf dem Programmzettel – und als mir im Abgang zur Garderoben-Halle der Geruch von Gesottenem und Gebratenem entgegen wehte, wurde es plötzlich mit Sinn erfüllt. Einmal im Jahr, erfuhr ich sodann, kombiniert das Haus am Heumarkt (klingt nicht standesgemäß) eine Aufführung mit einem großen, daran anschließenden Buffet – was dann auch den selbstbewussten Preis für die Eintrittskarten erklärte. (Wie erwähnt: Geld ist sinnlos und muss weg.)

Unten im Vestibül standen dann auch die Früh-Enteiler, die sich mit großer Professionalität ihren Stehtisch bereits gesichert hatten. Lange Schlangen vor den Speisetrögen (ich liebe sie, diese Buffet-Connaisseure, die die Kelle langsam, sehr langsam, gleich einer asthmatischen Blériot über den gefüllten Edelstahlwannen kreisen lassen, um vor dem vermeintlich besten Bratenstück – endlich! – den Sinkflug einzuleiten.) Dass die Kunstsinnigen sich sogar auf den Stufen nieder ließen, um die Mägen zu füllen, war ein schönes Zeichen von Locker- und Ungezwungenheit, die diesen Abend nicht nur lohnend, sondern sehr sympathisch machte. Ich trank Bier, verzehrte Wedges. Und war zufrieden.

2 Kommentare

  1. Lieber Herr Schlögl, zufällig wurde ich auf Ihre Bemerkung zu dem „Beipackzettel“ aufmerksam gemacht, den wir zum Konzert von Ars Longa an die Frau und an den Mann gebracht hätten, und darf Sie darüber informieren, dass wir für alle Mozart-Saal-Konzerte im Rahmen der „Resonanzen“ seit jeher ein Blatt mit dem detaillierten Programm und gestrafften Künstlerbiographien auf der Rückseite als kostenlose Grundausstattung für das Publikum bereithalten. Wenn Sie dem schnöden Mammon so abhold sind, wie Sie eingangs behaupten, warum konnten Sie sich nicht zum Kauf eines Almanachs durchringen, den die Kolleginnen vom Publikumsdienst auch an diesem Abend im Angebot hatten? Darin hätten Sie alle Gesangstexte samt Übersetzungen vorgefunden. Generell möchte ich an dieser Stelle bemerken, dass ein Erwerb des Almanachs und eingehendes Studium desselben ohnehin für alle Pflicht ist, die sich zur Kritik aufschwingen wollen. Mit freundlichen Grüßen, Peter Reichelt (Dramaturg der Festivals)

    1. Sehr geehrter Herr Reichelt,
      vielen Dank für Ihren Hinweis. Dass für die Resonanzen-Konzerte im Mozartsaal seit jeher bloß ein Programmzettel ausgegeben wird, konnte ich nicht wissen. Woher auch. Wie in meinem Text ausgewiesen, dachte ich, dass der Zettel der kurzfristigen Umstellung im Ensemble geschuldet war. Dass im Saal die von Ihnen erwähnten Almanache kursierten, habe ich zwar bemerkt – dass darin alle Texte samt Übersetzungen zu finden sind, konnte ich jedoch nicht einmal erahnen. Woher auch. Anyway: 2014 werde ich mein Geldbörsel zücken.

      In Ihrem letzten Satz erwähnen Sie die „Pflicht zum eingehenden Studium“ des Almanachs, welche Sie allen anempfehlen „die sich zur Kritik aufschwingen wollen“. Ich ignoriere diese Spitze. Sie ist angesichts meiner tiefen Verneigung vor der Conjunto de Música Antigua Ars Longa unangebracht und Ihres Hauses nicht würdig. Ich bin bloß ein kleiner, dilettantischer Blogger mit einer eigenen Meinung und großer Freude an klassischer Musik.

      Mit freundlichen Grüßen
      Stefan Schlögl

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