Die Entstehungsgeschichte des „Rot-Weiß-Rot-Buchs“, die ich für DIE ZEIT niedergeschrieben habe, ist zumindest kurios. Dennoch erzählt die Genese dieser „amtlichen Dokumentation“ im Jahr 1946 sehr viel: Wie die Geschichte einer Nation mit einem staatlichen Mythos überformt wird, wer eigentlich Geschichte schreibt (und wer nicht) und wie ein eilig am Ballhausplatz in Wien zusammengestelltes Buch die Zweite Republik über Jahrzehnte hinweg prägen sollte: als Argumentationsarsenal für den Opfermythos.
Der „Anschluss“ von 1938? Ein Überfall. Das Volk? Verführt und verblendet. Die Beteiligung an den nationalsozialistischen Gräueln? Eine „Augenblicks-Suggestion“. Die Geschichte des „Rot-Weiß-Rot-Buchs“ ist vor allem eine sehr österreichische. Passend zum Nationalfeiertag habe ich sie für die Österreich-Ausgabe der ZEIT niedergeschrieben.
Dass es diese etwas andere Buchrezension überhaupt gibt, habe ich vor allem zwei Wissenschafter:innen zu verdanken: Lucile Dreidemy vom Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien, die mich in einem ihrer Seminare auf dieses Stück Nachkriegsgeschichte aufmerksam gemacht hat. Und dem Vorarlberger Historiker Ulrich Nachbaur, der sich als einer der wenigen mit der Genese dieses Werks und seiner Autoren tiefergehend auseinandergesetzt hat. Seine Arbeit ist auch als Buch erschienen.
Apropos Opfer: Ich empfehle das aktuelle Buch zum Thema von Maria-Sibylla Lotter sehr: Opfer. Über Verwundbarkeit als Selbstbild.