Vom Topmanager zum Lokführer

Dieses Porträt habe ich für die Wochenendausgabe des STANDARD geschrieben. Erschienen ist es im Ressort „Leben“, und da passt es sehr gut hin. Weil da ziemlich viel Leben zusammengekommen ist in den beruflichen Stationen von Roland Egger.

Mit 56 hat er sich entschieden, seine Karriere als internationaler Top-Manager hinter sich zu lassen und etwas Neues zu machen. Warum er sich ausgerechnet dafür entschied, Lokführer bei den ÖBB zu werden, war eine der Fragen, die ich auf unserer Bahnfahrt von Wien nach Bratislava im Gepäck hatte. Die andere:

Was werden die Freunde wohl dazu sagen?

Weil es bei all diesen beruflichen Entscheidungen nicht nur um den Verdienst, einen makellosen Lebenslauf auf LinkedIn oder die sogenannte Selbstverwirklichung geht, sondern immer auch um: Status, Prestige, diese gewisse Eitelkeit. Wer will schon auf dem Klassentreffen, inmitten von Ärzten, Kreativen, Rechtsanwälten und allerlei Top-Entscheidern, auf die Frage, was man eigentlich gerade mache, antworten: Lokführer.

Über 600 Postings hat die Online-Version dieses Porträts ausgelöst, und in den allermeisten klang eine gewisse Freude darüber an, dass hier einer nicht mit zu viel Ratgeber-Poesie infiziert wurde, sondern eine Entscheidung getroffen hat. Für sich, für sein Lebensglück. Und dass diese Entscheidung keinen Verzicht, sondern ein wenig mehr persönliche Freiheit bedeute. Oder wie es einer der Poster zusammenfasste, indem er den Psychoanalytiker Erich Fromm paraphrasierte: „Freiheit ist immer die Freiheit durch Verzicht.“

Klingt ein wenig pathetisch. Es wäre dennoch wieder einmal Zeit für eine Erich-Fromm-Renaissance.

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