Silvia.

Die Bettlerin wohnt in der Beletage. Über ein jäh ansteigendes Sträßchen, das von der Salzburger Linzer Gasse abzweigt, geht es den Kapuzinerberg hinauf, vorbei am Eingang zu einem Kloster. Etwas abseits einer Aussichtsplattform liegt ihr Garten, eine steil abfallende Wiese, die von einer Festungsmauer eingefriedet ist. Ihre Krone wird immer wieder von kleinen Wehrtürmen durchbrochen. Einer von ihnen ist Silvias Bleibe.

Seit bald neun Jahren lebt die hagere Frau über den Dächern von Salzburg. Ihr Refugium: Eine verdreckte Matratze, viel Tand davor, neben der aufgeschlagenen Gittertür ein Dutzend Likörflaschen. Die meisten geleert.

Eine kühle Brise weht an diesem heißen Tag durch die mit einer Folie verhängten Fensterschlitze. Dahinter: Die Salzachstadt als schmuckes Postkartenmotiv. Im Winter stopft sie Schaumstoff in die Löcher – und schmiegt sich an Heiko. Ihren Freund, Schicksalsgenossen, Begleiter. An diesem Tag ist er für die 46-Jährige einfach “der Oasch”. Beziehungskrise. Zeit, um sich eine Bierdose aufzuknacken. Die dritte, vierte, vielleicht fünfte an diesem Nachmittag. Wer zählt da schon so genau, wenn der Tag keine Stunden, sondern nur Momente hat.

Silvia hat Zeit. Vor zwanzig Jahren hat sich die gebürtige Steirerin davon gemacht, hat ihren Job als Kindergärtnerin und ihre damalige Heimat Wien hinter sich gelassen. Danach ist sie durch Europa getingelt, hat sich treiben lassen, sich vielleicht ein wenig in sich selbst verloren. Vier Kinder hat sie. “Und mehr gibts da nicht zu sagen.” Lieber noch einen tiefen Schluck aus der Flasche. Lieber rauf die paar Stufen zu dem kleinen Aussichtsplateau, wo sich die Touristen tummeln, und ihre Mobiltelefone in den blauen Himmel strecken. Jeden von ihnen grüßt sie mit einem lauten “Hallo”, während sie vorüber trollt.

Ja, Silvia ist da oben eine Institution. Nach ihrer Audienz  legt sie sich auf die Steinbank vor der eingegitterten Heiligenfigur, die das nahe Kapuzinerkloster bewacht. Blickt hinüber zu den Kirchentürmen auf der anderen Salzachseite. Lächelt verschmitzt, erzählt aus ihrem windschiefen Dasein, sagt immer wieder lebenskluge Dinge – die im Lauf der Zeit immer dichter vom Bierdunst vernebelt werden. Aus Sätzen werden Wortfetzen, die irgendwann nur noch der steinerne Samariter, der über ihr wacht, versteht. Noch einmal blickt sie hinüber zu den Kirchtürmen, die im Abendlicht so schön, so zynisch schön herüber blecken. Und dann ist Silvia … weg.

***

An zwei Tagen habe ich mehrere Stunden mit Silvia oben am Kapuzinerberg verbracht. Am zweiten Tag habe ich Heiko, ihren Wohnungsgenossen kennen gelernt. Es waren schöne, verstörende, insgesamt unvergessliche Momente, die ich mit ihnen in der kurzen Zeit geteilt habe. Die Fotos sind im Rahmen einer Projektarbeit für den 20. Fotosommer Salzburg, veranstaltet vom Kuratorium für Journalistenausbildung, entstanden. Eine traumhafte, sehr smarte Lehrerin war in den drei Tagen Sara Naomi Lewkowicz, die für „A Portrait of Domestic Violence“ den World Press Photo Award 2014 erhalten hat.

Die ersten beiden Bilder wurden für eine Ausstellung aller Arbeiten des diesjährigen Fotokurses ausgewählt.

 

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