Goodbye Europe! Hello Busek.

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Europa, das zeigte das Bühnenstück „Goodbye Europe! oder: Wie ich den Mauerfall verpennte“ im Wiener Palais Kabelwerk, dieses Europa kann wider Erwarten auch prickelnd sein. Nicht bloß ein Mantra, mit dem man sich permanent selbst vergewissert, dass es toll sei „Europäer“ zu sein – und gleichzeitig mit blankem Entsetzen dabei zusehen muss, wie eine Bande von Geldproleten ohne Benehmen, Gewissen und Kinderstube (Irland!) diesen Kontinent ausweidet. Was hatten diese Menschen bloß für Eltern? Wer hat ihnen diese Gier anerzogen? Welche Schulen besuchten sie? Wo erlernt man diese Geilheit, sich die Taschen vollzustopfen? Ich weiß es nicht.

Ich weiß nur, dass ich den Fall der Mauer auch verpennt habe. Oder um genauer zu sein: Ich kann mit den Codes der Geschichtsschreibung, die dieses 1989 im kollektiven Gedächtnis eingebrannt hat, diesen Jubel- und Wiedervereinigungsszenen nichts anfangen. Ich weiß bloß, wie es kurze Zeit nach der „Wende“ in Berlin, in Prag und in Krakau war, nämlich traurig, trist, verwunschen – und voller Kinder in Erwachsenengestalt, die ihre Vergangenheit abgesprengt hatten, um sich an der neuen Freiheit zu erproben.

Jene Freiheit etwa, als Akademikern nun Kochtochsets aus Westproduktion zu verscheuern. Die Freiheit, sich von einem Roßtäuscher einen abgerippten Opel  mit optimiertem Kilometerzähler andrehen zu lassen. Die Freiheit, sich eine Satellitenschüssel aufs Balkongeländer zu schrauben, obwohl der Wind durch die Fensterritzen pfiff. Das klingt – natürlich – überheblich und besserwisserisch. Wir hätten es, nach Jahrzehnten des institutionalisierten Mangels, nicht anders gemacht.

Hocherfreulich, dass „Goodbye Europe!“ mit dieser Umbruchphase gleichermaßen intelligent als auch spielerisch umging. Zu erleben war ein quirliges Dokumentartheater, das kluge Fragen stellte – und sich gleichzeitig davor hütete, in tumbe Ostalgie zu verfallen. Zwischen 1989 und ergo der Implosion des Ostblocks bis zu den aktuellen Identitäts- und Wirtschaftskrisen in der Europäischen Union wird der Handlungs- und Reflektionsbogen gespannt, die drei Darsteller Jakob Beubler, Boris Popovic und Christina Scherrer sezieren mit Aplomb und Verkleidungsfuror den Umbruch von 1989 und dessen Folgen. Mittels  ARD-Tagesschauen aus jenen historischen Tagen wurden Erinnerungen wachgerufen, schließlich aus der Kühltruhe der Neo-Klassiker Heiner Müller hervorgeholt.

In Puppengestalt trat der DDR-Vorzeigekünstler im Laufe des zweistündigen Abends immer wieder auf und durfte seine innere Zerrissenheit im Schatten des Umbruchs zur Schau stellen. Schlau inszeniert, ohne erhobenen Zeigefinger, arbeitete sich der Puppen-Müller an seiner Unentschiedenheit ab. Das Ende des Unrechtssystems des anderen Deutschlands war für ihn, als auch für die ebenfalls als Bühnengestalt auftauchende Schriftstellerin Christa Wolf der Verlust einer ideologischen Heimat, die ihnen von den Zeitläuften unter den Füßen weggezogen wurde. Mit der Ersatzreligion, dem in diesem Chaos keimenden „europäischen Gedanken“, konnten beide nichts anfangen.

Toll, im Palais Kabelwerk, einer kleinen Spielstätte abseits der großen kulturellen Fressmeile, ein so blendend aufgelegtes Ensemle erleben zu dürfen, das mit den aus Zitaten und O-Tönen von Heiner Müller, Christa Wolf, Rio Reiser oder Erhard Busek collagierten Texten so leichtfüßig umzugehen weiß. Letzterer enterte nach dem Schlussapplaus für ein Expertengespräch die Bühne. (An den Abenden zuvor traten Maria Vassilakou, Paul Lendvai oder Hubsi Kramar zur Betrachtung der Europäischen Union an.)

Busek gab, wie zu erwarten, den kurzweilig-altersklugen EU-Experten mit Gespür für die großen historischen Linien. Allerlei Forderungen, wie die Europäische Union nun zu verbessern sei, gingen da geschmeidig mit Wohlfühl-Rhetorik zusammen. Busek kann sich das erlauben: Im Gegensatz zu anderen Ex-Machthabern seiner Generation, die ihre Politiker-Pension nutzen, um Innovationen zu fordern, die sie während ihrer aktiven Zeit nicht einmal ignoriert haben, hat der Ex-ÖVP-Chef nach seinem vom Kleinformat forcierten Sturz in Europa nicht nur eine neue Heimat gefunden. Dieser prototypische Bürgerliche hat Europa bald zwei Jahrzehnte lang in unzähligen Initiativen und Bündnissen aktiv mit gestaltet – und sich nicht in seiner Politiker-Pension diversen Glücksspielkonzernen, Erdöl-Multis und Problemstaat-Potentaten an den Hals geworfen. Auch das kann das Fazit eines Theaterabends sein.

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