Sir Simon Rattle dreht an Anton Bruckner.

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Eklatante Säumigkeit beim Einsortieren eines Höhepunkts dieses Jahres: Die Berliner Philharmoniker unter Sir Simon Rattle im Wiener Konzerthaus. Pierre Boulez und Anton Bruckner galt es unters Volk zu bringen. Ersteren mit seinen „notations pour orchestere“, Zweiteren mit der Symphonie Nr. 7 E-Dur (1881-1883).

Sie allesamt gab es bereits am Montg zu erleben, die Ereignisse überschlagen sich momentan ein wenig, also kurz und knapp und im Sinne der Chronistenpflicht: Bam, Rattle. Was bist denn du für ein ausgefuchster Tonkünstler? Du, mit Deinen Berlinern, die an diesem Abend ganz klar bewiesen, dass es einen Klassenunterschied gibt, dass es wunderbare Orchester aber eben auch kolossale Klangkörper gibt. Letzterer sind die Philharmoniker (Und ja: ich euphorisiere, aber hier spricht ein Verfallener.), was bei Boulez, der den ersten Teil bestritt, bloß in Andeutungen erkennbar war.

Fünf sperrige, jeweils nur einige Minuten kurze Musikfragmente, versuchte das in Großbesetzung spielende Orchester umzusetzen. Die schiere Wucht tat Boulez‘ komplexen, avantgardistischen Tonverschachtelungen nicht wirklich gut. Ein kleiner, aufmunternder Energy-Shot vor der Pause und gleichsam ein Versprechen war das. Mehr nicht. Das Wiener Publikum, zumindest das direkt hinter mir, blieb nach Sir Simons Abschlag reserviert. Er, näselnd: „Ich hab mich ausgeklinkt.“ Sie, gurrend: „Ich habe nachgedacht.“

Keine Gefangenen machen die Berliner indes nach der Pause. Bruckners Siebente schickt Rattle mit enormer Intensität über die Rampe. Voll tönend, federnd, setzt das Orchester den Auftrag um, widersteht aber gleichzeitig dem Reiz, die dramatischen Sequenzen mit der ganzen Wucht des Apparats zu erschlagen. Stattdessen setzt Rattle mit superorganischen Steigerungswellen – man glaubt tatsächlich, da hätte jemand plötzlich am Lautstärkeregler der Stereo-Anlage gedreht – auf überraschende Akzente, die aber nie als bloßer Effekt daher kommen.

Schillernd, vielgestaltig, effektvoll, sakral ist Bruckners Siebente, und manchmal lässt der oberösterreichische Hagestolz auch Wagner durchschimmern. Die einzelnen, sich stark voneinander unterscheidenden Teile können einem da am Pult rasch unter der Hand zerfallen. Bei Sir Simon Rattle und den Berlinern hingegen – die mit Bruckners unvollendeter Neunter eine Referenzinterpretation eingespielt haben – klingt das wie aus einem Guss. Substanziell, eigen, reflektiert blieb das Ganze dennoch.

Boulez abgezogen bleibt die Erinnerung an einen großen Abend. Das Publikum, zumindest das hinter mir, bilanzierte mit dem obligaten Verweis auf eine Intimfeindschaft: Sie, ergriffen: „Wirklich sehr schön“. Er, sonor: „Die Wiener spielen das sicher noch besser.“ Ich glaube nicht.

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