The Loose Collective und die Vorhaut des Herzens.

loose

Es war also wieder einmal Zeit für etwas Bibel-Exegese. Konkret im Blickpunkt: das Alte Testament. Nämliches ist, abzüglich der real-existierenden Willkürdeutungen mancher Hardliner (Aurelius Augustinus!) und ähnlich kruder Auslegungen diverser Problem-Theologen, einfach ein gutes Buch.

Das klingt jetzt flach wie Marchfeld, wer aber erfahren will, warum unsere Gesellschaft so ist, wie sie nun einmal ist, wird in dieser Sammlung, vor allem den sogenannten Geschichts- und Lehrbüchern so ziemlich alles finden, was uns ein paar Jahrtausende später noch immer umtreibt. Inklusive allerlei Bekenntnissen zu Brutalität (Break their bones, and chop them in pieces; Micha 3:3) und großer Weisheit (Such as the workman is, Such also is the work; Esra 9:17) Das ist irritierend. Und beruhigend zugleich.

Abseits der soziologischen Auseinandersetzung, und das ist der eigentliche Reiz dieser Sammlung, lassen sich im Alten Testament schön-schrille lyrische Sentenzen identifizieren:

Circumcice the foreskin of your heart, and be no more stiffnecked. (Deuteronomium 10:16)

Derlei Erhellungen zur etwas anderen Beschneidungsdebatte hätte ich gerne einmal in der sonntäglichen Kanzelpredigt in der Kirche zu Haselbach gehört. Stattdessen musste ich ein paar Jahre warten, mich ins Museumsquartier zu Wien, genauer in die Halle G, begeben, um mich diesbezüglich von The Loose Collective informieren zu lassen. Die international besetzte Performance-Truppe mit Stammsitz Österreich gab ein Stück mit einem relativ selbsterklärenden Titel: „The Old Testament According To The Loose Collective„.

Fünf SängerInnen/ TänzerInnen interpretierten zur Musik von Guenther Berger und Stephan Sperlich (bekannt auch als die Combo 78plus) eine Auswahl an Zitaten aus der King James Bible von 1611. Teils gab es ganze Verse, teils Schnipsel samt Quellenangabe aus unterschiedlichen Büchern und Kapiteln. Weiters „beat-boxing“ und „diaspora post punk“. Also alles sehr modern, hier.

Nun: Cut-up ist ja ganz prickelnd, wenn Aussagen miteinander kollidieren, der Sinn des Gesagten in der Mitte eines Satzes einen gepflegten U-Turn macht. Ein „If we“ von Hosea mit einem „do not“ aus der Genesis zusammen zu schrauben, ist indes weniger prickelnd, sondern schlicht beliebig. Schlüssig wurde die an sich charmante Idee erst, wenn einzelne Sätze oder längere Sequenzen miteinander verquickt wurden.

Das war’s dann aber auch schon mit Negativ-Kritik aus der leider bloß halbleeren Halle. Schließlich zeigten The Loose Collective, dass Performance und ihr schönerer Bruder, der zeitgenössische Tanz, mehr sind, als bloß Posing und der in der Branche ansonsten obligate Nippel-Alarm. Den Akteuren, eingekleidet in altrosa eingefärbtem Seventies-Gartenparty-Trimm, gab die Inszenierung genügend Raum, um Text als auch Darstellung ohne Reibungsverluste über die Rampe zu bringen. Gleichzeitig widerstand die Truppe der Versuchung, in eine platte Anklage abzubiegen.

Schön schrummten die sperrigen Sätze, der Lichtverantwortliche zeigte, wie mit einem echten Konzept und sparsamen Akzenten ein tolles Bühnenbild hinzubekommen ist, die Musik (Massengitarren-Szene!) hatte Weckruf-Moment sowie Club-Potenzial, poppte aber auch locker dahin. Witzig war’s auch, aber nicht verblödelt. Ein großer Moment des kollektiven Fremdschämens beendete schließlich einen klugen, schicken Abend: Vergeblich animierte eine Akteurin das Publikum, in den Text miteinzustimmen. Die Frau blieb zwar sympathisch hartnäckig – aber Wien blieb very, very stiffnecked.

Wir gingen hin in Frieden und rätselten über einer entscheidenden Frage:

Is there any taste in the white of an egg? (Hiob 6:6)

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