Benjamin Biolay im Porgy & Bess.

Keine Ahnung, ob der Mann geil ist. Also im Sinne von: geil aussieht. Die Damen um mich herum waren – bis auf eine Ausnahme – zumindest äußerst verzückt, als Sänger, Komponist, Schauspieler und It-Man Benjamin Biolay im Wiener Porgy & Bess Richtung zweiter Zugabe abbog. Die paar Männer im Saal reckten hingegen etwas indigniert die schlingschalbekränzten Hälse oder stützten ihre Kinnladen durchaus reserviert auf die Bobo-Faust. Tja. Der Akteur auf der Bühne, an diesem Abend flankiert von einer zwei Köpfe zählenden Minimal-Combo (Gitarre/Bass links, Synthie/Mixer/Macbook rechts), gilt schließlich als der heißeste Typ der französischen Musikszene. Dabei macht er nur gute Musik mit guten Texten (Schwerpunkte: Liebe, Trennung, Seelenschmerz) und sieht scheißegut aus. Ein Setting, dem deutschsprachige Medien natürlich nur mit den üblichen Klischees begegnen können: der Retter des Chansons, Star des Nouvelle Chanson, der neue Alain Delon, und weil er auch ein wenig aufmüpfig ist, gibt er natürlich gleich auch den neuen Serge Gainsbourg. Alles großer Quatsch.

Biolay ist ein Suchender, der – das zeigte der Abend im Porgy – sich an nahezu jedem Musikgenre versucht. Klassisches Singer-Songwriter-Stück, Jazz, Disco, Sprechgesang, Pop und etwas Rock (mit angezogener Handbremse). Stark, intensiv, wird der 40-Jährige in den Balladen und mittleren Tempi, die er prächtig mit rauchig-dunklem Timbre in der Stimme ausfüllt. Eine Art Tindersticks ohne Orchester-Geschrammel. Den Rest erledigt der hinlänglich bekannte Erotik des Französischen – es herrscht Schenkelöffner-Alarm. Die peppigeren Nummern hingegen sind allesamt fein arrangierte, mit schönen Moll-Einsprengseln und schicken Akkordverschiebungen versehene, sehr melodiöse Pop-Songs, die selbst im Format-Radio keine Irritationen auslösen.

Das Material mischte der neue Tinderstock Biolay mit seinen beiden Sidemen zu einem tadellos zusammen gesetzten, gut eineinhalbstündigen Schaulauf im ausverkauften Porgy & Bess ab, der vor allem von dem Mann an sich lebte. Betontes Laissez-faire bei der Wahl der Garderobe, verheißungsvoll funkelnde Augen, zigarrettenrauchige Melancholie, ein bisserl kokette Schüchternheit und das alles abgeschmeckt mit einem sehr virilen Renegaten-Gestus – derlei kann beim einfachen Durchschnittstestikelträger durchaus zu milder Depression führen.

Die gilt es also heute nach einem sehr, sehr tollen Konzert-Abend zu überwinden. (Die Fachkritik wird indes einiges zu bemängeln haben, vor allem wahrscheinlich, dass Biolay bei seinem Streben nach musikalischer Vielgestaltigkeit auch ein wenig eklektizistisch ist.) Weiters muss überwunden, nein, besser verdrängt werden, dass der Beau nicht nur gut aussieht, sondern auch Rückgrat hat. Der Womanizer, der mit Vanessa Paradis liiert und mit Chiara Mastroianni verheiratet war, hat auch Carla Bruni, die Gattin des (damals noch) französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy (zumindest) produziert. Als Letzterer den Musiker in den Präsidentenpalast einlud, beschied Biolay dem Staatschef kurz aber prägnant: „Lieber sterbe ich“.

Eine in Österreich eher undenkbare Haltung: Hier wirft man sich als braver Kunst- und Kulturschaffender vor seinem Landeshauptmann per Wahlempfehlung in den Staub.

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