Das neue Babylon.

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Harte Arbeit diesmal im Konzerthaus. Zu sehen: Новый Вавилон  (Das Neue Babylon), ein UdSSR-Stummfilm aus dem Jahr 1929, Regie: Grigorij Kosinzew und Leonid Trauberg. Filmmusik: Dmitri Schostakowitsch op. 18, gespielt vom ORF Radio-Symphonieorchester unter Timothy Brock. 

Der Film verwebt das Schicksal der Pariser Kommune des Jahres 1871 mit einer mit reichlich Pathos aufgeladenen Liebesgeschichte (Soldat, zerrissen zwischen Pflichtbewusstsein und moralischen Dünkeln, verliebt sich in eine agitationsfreudige Verkäuferin.) Die Handlung fädelt sich an teils avantgardistischen, teils propagandistisch überhöhten Bildern auf und arbeitet sich sprunghaft am revolutionären Treiben in Paris ab. Das kurze Glück der Selbstbestimmung und -verwaltung wird durch eine restaurative Kanonen-Politik jäh beendet. Das Kapital, versinnbildlicht durch einen feudalen Kaufhausmagnaten, obsiegt. Die dahingemetzelten Kommunarden werden per erwartbarem, tragischem Finale zu Helden der sozialistischen Revolution stilisiert.

Für mich, nicht gerade ein Stummfilm-Experte, bemerkenswert: „Das neue Babylon“ versucht gar nicht, seine Geschichte linear zu erzählen, sondern verschachtelt die Ereignisse (und Schicksale der Hauptprotagonisten) zu einem veritablen Arthouse-Film. Eine große, permanente Aufmerksamkeit einfordernde Komplikation, die sich wenig um die Erbauung des gemeinen Werktätigen kümmert. Unbenommen: „Das neue Babylon“ ist ein außergewöhnliches Stück sowjetischer Film-Avantgarde, gleichsam aber auch ein astreines, hochprozentiges Propagandawerk. Auf beiden Ebenen habe ich mich nicht adressiert gefühlt. Den Artsy-Fartsy-Cineasten habe ich nicht im Programm, ebenso wenig den linksromantischen Nebenerwerbskommunarden.

Bleibt der phantastische Score von Schostakowitsch, der die ganze melodische und harmonische Bandbreite nutzt, und sich so nicht der Gefahr aussetzt, im Pathos zu erstarren. Der Mann will und kann tatsächlich unterhalten. Tadellos disponiert auch das ORF Radio-Symphonieorchester – so ziemlich der einzige Grund, Rundfunkgebühren zu zahlen.

Fazit: Anstrengender, gleichsam irritierender, dennoch lohnender Abend.

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