Diesen Text über meine Heimatstadt Braunau, der nun in der ZEIT veröffentlicht wurde, trage ich schon lange mit mir herum. Oder weniger pathetisch gesagt: Er musste einfach einmal raus. Denn nach zwei Jahrzehnten, die ich inzwischen in Wien lebe, habe ich vieles von dem, was über diese Stadt geschrieben wurde, meist anders gesehen.
Es geht um das Geburtshaus von Adolf Hitler in der Salzburger Vorstadt. Und darum, wie die Stadt mit diesem Stigma lebt: ein historischer Ort, dessen Bedeutung sich letztlich auf ein Ereignis reduziert, das mit der Geschichte der Stadt selbst kaum etwas zu tun hat. Hitler wurde in diesem Haus geboren, nach einigen Wochen zog die Familie in eine andere Wohnung, nach drei Jahren verließ sie Braunau. Das war’s.
Dennoch stand die Stadt über Jahrzehnte unter Beobachtung: wie sie denn mit diesem „dunklen Erbe“ umgehen würde, mit dem „Fluch“, und ob die „Hexenaustreibung“ nun endlich gelingen würde. Zuletzt durch den Umbau des Hauses und seine Widmung als Polizeistation.
Begleitet wurde das immer wieder von einer Art medialem Alarmismus. Etwa dann, wenn irgendein Depp in brauner Uniform über den Stadtplatz stiefelte, ein russischer Duma-Abgeordneter ankündigte, das Haus kaufen und planieren zu wollen, oder irgendwelche Covid-Aktionist:innen die einschlägige Fassade für ihre Öffentlichkeitsarbeit entdeckten.
Solche Randepisoden wurden in den Medien oft erstaunlich prominent präsentiert. Nun bin ich selbst Journalist und kenne die Mechanismen der Aufmerksamkeit. Seit Jahren gehört die „Braunau-Story“ zur Folklore deutschsprachiger Medien. Mal ist sie zu Recht kritisch, manchmal hinterfragend, oft ironisch. Und manchmal auch ein wenig überheblich.
Ganz gleich in welcher Schattierung: Immer öfter habe ich mich gefragt: Warum eigentlich? Was ist der journalistische Wert? Und ja, ganz unbefangen bin ich in dieser Frage nicht.
Aber dann kam vor einigen Wochen wieder dieser Satz, den ich schon so oft gehört habe.
„Ach Braunau, da war doch wieder was.“
Gesagt wurde er an der Universität Wien. Ein Professor der Geschichte hatte mich gefragt, woher ich komme. Und in diesem Moment dachte ich mir: Jetzt muss es raus.
Das Ergebnis ist nun in der ZEIT Österreich zu lesen. Gewiss nicht objektiv, weil biografisch. Und auch deshalb, weil ich seit vergangenem Jahr die Organisation der Zeitgeschichte-Tage in Braunau übernommen habe. Durch diese Tätigkeit habe ich viele Menschen neu kennengelernt, die sich seit Jahrzehnten gegen die Folgen von Nationalsozialismus, Antisemitismus und Rassismus engagieren. Und damit auch die Stadt noch einmal neu gesehen.
Nun also: eine Polizeistation.
Eine Freundin von mir, Architektin, hat dazu einmal gesagt: „Hauptsache, das Haus steht jetzt nicht mehr leer. Es hat eine neue Bestimmung.“
Und dann hat sie noch etwas hinzugefügt: „Auch diese Funktion wird einmal zu Ende gehen. Gebäude bleiben schließlich jahrhundertelang. Und dann wird man sehen, was als Nächstes kommt.“
Erleben werde ich das wohl nicht mehr. Aber das ist eine andere Geschichte.